Freitag, 24. Juli 2026

Kapitel 5

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"Die letzten 30 Jahre im Rückblick"

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Kapitel 5  |  1633 – Ein Beweis: 600 Jahre nach der Stiftsgründung dokumentiert

Wochenende 5 | 25./26. Juli 2026

Manchmal muss man innehalten und zurückschauen, um zu verstehen, was man eigentlich schon weiß.

Im Jahr 1011 wurde das Stift St. Johann gegründet. Aus den archäologischen Funden und vergleichbaren Ansiedlungen zu der Zeit haben wir abgeleitet, dass es eine kreisförmige Siedlungsfläche rund um die Kirche gegeben haben muss. Karten aus der Gründungszeit, die das belegen, gibt es nicht. Aber später entstehen Karten. Aus dem Jahr 1633 – mitten im Dreißigjährigen Krieg – kennen wir gleich zwei Karten von Osnabrück.

Die eine Karte ist der sogenannte Schwedenplan von Knyphausen: Eine nüchterne, kartographisch präzise Zeichnung, angefertigt von schwedischen Truppen, die von außerhalb der Stadt auf sie blickten. Ihr Interesse war militärisch – sie wollten wissen, wo Mauern, Wege und freie Flächen verlaufen.

Die andere stammt von Wenzel Hollar: Eine künstlerische, beinahe prunkvolle Vogelschau, die einen möglichst beeindruckenden Gesamteindruck der Stadt vermitteln sollte. Im letzten Kapitel haben wir einen kleinen Ausschnitt aus einem Nachdruck, das Neustädter Rathaus, bereits gesehen.

Der „Schwedenplan von Knyphausen, 1633. Das Original liegt im „Riksarkivet“ in Stockholm. Denn er wurde im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden angefertigt.

Aber eine Kopie des Planes liegt im Landesarchiv mit der Signatur NLA OS, K, 62a Nr. 107 H. Der Bildausschnitt zeigt die Johannisfreiheit

Die Ansicht von Wenzel Hollar aus dem Jahr 1633. Sie liegt im Landesarchiv mit der Signatur NLA OS, K 062a Nr 006H. Die Gebäudedarstellungen sind darin stark idealisiert. Sie entsprechen nicht der Realität. Dennoch findet man wichtige Eckpunkte aus dem Schwedenplan auch hier wieder. Hier der Blick auf die Johannisfreiheit von Osten.

 

Zwei völlig verschiedene Absichten – aber fast derselbe Blickwinkel. Beide Zeichner standen im Osten und blickten auf die Stadt. Und beide haben, jeder auf seine Weise, denselben Ort festgehalten.

Um die Johanniskirche herum zeigen beide Karten eine viertelkreisförmige Fläche, klar abgetrennt durch eine Mauer. Von der ersten Siedlungsfläche hat ein Viertel die Zeit überdauert. Sie ist zu einem Friedhof geworden und damit zu einem Ruheraum, geschützt durch die Mauer.

Das ist nun keine Vermutung mehr. Das ist ein Beleg.

Und es gibt noch mehr zu entdecken. Jenseits der Mauer ist eine große Stadt mit einem Wegenetz entstanden. Unterhalb der Kirche zeigen beide Karten einen rechteckigen Platz auf den Wege zulaufen. Diesen Platz haben die Bürger jener Zeit östlich der Kirche neu angelegt. Damit haben sie die Reste der ursprünglichen Siedlungsfläche südlich der Kirche bewusst oder unbewusst als Ruheraum geschützt.

Die Stadt ist 600 Jahre lang gewachsen. Ihr Wachstum war begrenzt durch die Stadtmauern. Aber der alte Ruheraum südlich der Kirche wurde nicht angetastet. Er war etwas Besonderes. Man hat um ihn herumgebaut – nicht in ihn hinein.

Was das bedeutet: Die Menschen haben über Jahrhunderte den Ort respektiert, aus dem heraus sich ihre Stadt entwickelt hat.

Dieser Zustand – Ruheraum innen, Wachstum außen – bleibt für weitere gut 200 Jahre so bestehen, wie er 1633 festgehalten wurde. Erst im 19. Jahrhundert, mit dem Bau der städtischen Kanalisation, beginnt sich das zu verändern. Aber das ist eine andere Geschichte – sie beginnt im nächsten Kapitel.

Frage zum Nachdenken:

Ein Ort wurde so viele Jahrhunderte respektiert – aus Rücksicht auf das, was dort war. Was sagt es über uns, wenn eine Grenze, die so lange gehalten hat, heute innerhalb weniger Jahre ihren Charakter verlieren könnte?

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Nächste Woche: 1633–1800 – Was Karten sonst noch erzählen – und was sie verschweigen

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Dienstag, 21. Juli 2026

Kapitel 4

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"Die letzten 30 Jahre im Rückblick"

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Kapitel 4  |  1307/1348 – Zwei Städte und ein selbstbewusstes Rathaus

Wochenende 4 | 18./19. Juli 2026

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Im März 1307 beschließen Altstadt und Neustadt, gemeinsam aufzutreten. Sie bilden einen gemeinsamen Rat. Das klingt nach einer Unterwerfung der kleineren Neustadt – aber so einfach ist es nicht.

Denn die Neustadt behält weitreichende Rechte: Eine eigene innere Verwaltung, eine eigene Einnahmestelle für Steuern und Abgaben, eine eigene Gerichtsbarkeit für innere Angelegenheiten. Diese Eigenständigkeit wird sie bis 1813 mal mehr, mal weniger behalten. Schon 1312 führt sie wieder ein eigenes Siegel. Die Vereinbarung von 1307 ist eher ein Bekenntnis, nach außen gemeinsam aufzutreten – kein Aufgehen in der Altstadt.

Das Selbstbewusstsein der Neustadt zeigt sich deutlich im Jahr 1348: Sie baut ein eigenes Rathaus – direkt auf der Johannisfreiheit, auf kirchlichem Grund, mit ausdrücklicher Genehmigung der Stiftsherren von St. Johann.

Beide Städte haben damit ein Rathaus. Aber das neue Rathaus der Neustadt ist größer als das zeitgenössische der Altstadt. Es beherbergt Gericht, Verwaltung und Handel unter einem Dach. Hier tagt der Neustädter Rat, hier werden Steuern eingezogen, hier wird Tuch gehandelt – denn die Neustadt ist zu dieser Zeit ein bedeutendes Zentrum der Wollweberei.

Schau auf das Rathaus in der Abbildung von Wenzel Hollar. Es ist prunkvoll dargestellt. Es steht für das Selbstbewusstsein der Bürger und für ein wirtschaftliches Wachstum. Natürlich wissen wir nicht, ob es wirklich so ausgesehen hat. Aber das, was wir heute sehen, ist trotz Kriegszerstörungen und Umbauten noch immer ein großes stattliches Haus.

Das Neustädter Rathaus 1633 als idealisierte Darstellung. Die Darstellung sendet als Botschaft: Dieses Rathaus ist imposant.

Detail im Plan von Wenzel Hollar, in der Version als kolorierter Nachdruck von 1993.

Das Neustädter Rathaus 2026. Noch immer raumprägend im Zentrum der Neustadt. Aus dieser Perspektive ist das Ausmaß der Kriegsschäden gut zu erkennen.

Die Urkunde zum Rathausbau ist bis heute erhalten. Sie regelt penibel: Welcher Grund gehört der Stadt, welcher bleibt Kircheneigentum. Sogar die Fenster werden vertraglich geregelt – zwei Fenster im Obergeschoss durften nicht vollständig geöffnet werden, damit niemand Abfälle auf den Hof des Propstes werfen konnte.

Kirche und Rathaus stehen nun auf der Johannisfreiheit. Sie begrenzen den Ruheraum nach Norden und Süden. Der Friedhof liegt dazwischen. Dieser Ort – Kirche, Rathaus, Kirchhof – ist das Herz der Neustadt. Und dieses Herz schlägt bis heute: Das Neustädter Rathaus steht noch immer an der Ecke Johannisstraße/Johannisfreiheit – gegenüber der Kirche. Das alte Rathaus der Altstadt gibt es nicht mehr. 1512 wurde ein neues gebaut.

Nach dem Zusammenschluss von Altstadt und Neustadt vereinbaren beide die sogenannte 'Sate' – ihr gemeinsames Grundgesetz. Es ist im Stadtbuch von Osnabrück eingetragen, das bereits seit 1297 geführt wird. Darin regeln sie, wie sie als Partner miteinander umgehen: Gemeinsam nach außen, eigenständig nach innen. Respekt füreinander. Stärke durch Zusammenhalt.

Klingt das bekannt? Es ist eigentlich ein ziemlich modernes Konzept. Und dieses Konzept lebt bis heute. Jedes Jahr treffen sich Persönlichkeiten aus Osnabrück im Rathaus zum sogenannten Handgiftentag – sie reichen sich die Hände, so wie sich Altstädter und Neustädter die Hände gereicht haben. Als Zeichen des Respekts. Um an diesen Zusammenhalt zu erinnern. Denn gemeinsam ist man stärker.

Im 13. und 14. Jahrhundert steigt die Einwohnerzahl stark an. Durch Kriege und Epidemien geht sie bis ins 17. Jahrhundert jedoch wieder zurück. Viele der Häuser, die für 1648 als „nachgewiesen“ gelten, sind bereits in den Gründungsjahren der Stadt entstanden. Das sind Indizien dafür, dass die Situation aus dem 17. Jahrhundert auch als Maßstab für das 14. Jahrhundert angenommen werden kann.

Ein Detail am Rande: Es gibt nun auch eine Stadtbefestigung rund um die Neustadt.

Darstellung: Klaus Meinert 

Im 14. Jahrhhundert wächst die Stadt rasant. Wir können nicht sagen, welche Häuser wann entstehen. Wenn Du allerdings in die Marienkirche gehst, dann wirst Du dort das Stadtmodell von 1648 sehen. Die Häuser, die dort dargestellt sind, wurden wissenschaftlich nachgewiesen. Die Darstellung links nutzt die gleiche Quelle.

Hellgrau die Kurien, die nach der Stiftsauflösung und mit dem Bau der heutigen Kirche beginnen zu entstehen.

Frage zum Nachdenken:

Das Neustädter Rathaus steht seit fast 700 Jahren auf der Johannisfreiheit – und ist bisher nicht Teil des Denkmalschutzes für die Gesamtanlage. Warum nicht? Frag nach – bei Historikern, bei Politikerinnen und Politikern, bei der Denkmalpflege.

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Nächste Woche: 1633 – Ein Beweis: 600 Jahre nach der Stiftsgründung dokumentiert.

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Kapitel 3

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Kapitel 3  |  1240–1272 – Eine neue Stadt wächst - und wird größer als Du denkst

Wochenende 3 | 11./12. Juli 2026

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Rund 200 Jahre nach der Stiftsgründung passiert etwas Entscheidendes: Die Siedlung rund um St. Johann wird zu einer richtigen Stadt. Die „Newe Statt“ – die Neustadt – entsteht, wahrscheinlich in den 1230er Jahren, als eigenständige Stadtgründung südlich der bereits bestehenden Altstadt Osnabrück.

Und 1254 wird die alte Stiftskirche durch einen Neubau ersetzt – die heutige Johanniskirche. Sie rückt dabei näher an den Fernweg heran, der zu dieser Zeit schon als „Große Straße“ bekannt ist.

Aber hier ist etwas Wichtiges: Die Johannisfreiheit, über die wir heute sprechen, ist nur ein kleiner Rest von dem, was sie einmal war. Die historische Johannisfreiheit reichte fast von der Kommenderiestraße im Westen bis zur Hase im Osten – von der Goldstraße im Süden bis zum Kollegienwall im Norden. Sie war für damalige Verhältnisse riesig. Grün. Und es war Kirchenbesitz.

Stell Dir das mal vor: Wo heute die Berufsbildenden Schulen am Pottgraben stehen – die Europaschule – stand einmal der Bischöfliche Martinshof. Er wurde um 1272 errichtet, direkt neben der Neuen Mühle an der Hase. Und er war kein gewöhnliches Gebäude: Ab dem 14. Jahrhundert war er der Wohn- und Amtssitz des Bischofs von Osnabrück. Der Bischof zog also von der Altstadt in die Neustadt – auf die Johannisfreiheit.

Abbruch des Bischöflichen Martinshofs, ca. 1895, NLA OS, Erw A 62, Akz 2017/67 Nr. 392.

Ansicht 2026, Berufsbildende Schulen am Pottgraben.

 

Und die Neue Mühle? Sie entstand um 1253, ebenfalls auf bischöflichem Grund, direkt an der Hase. Heute steht dort das Restaurant „The Mill – Burger und Pizza“. Direkt gegenüber, wo früher die Stadtmauer stand, befindet sich heute das Alando Palais – eine bekannte Eventlocation in Osnabrück.

Wehr der neuen Mühle mit Übergang zur Stadtbefestigung, ca. 1900, NLA OS, Erw A 62, Akz. 2017/67 Nr. 178, Auf den Bildern ist nicht die Ursprungsbebauung zu sehen.

Ansicht 2026, Brücke über die Hase mit der Neuen Mühle am rechten Bildrand.

 

Kurz innehalten: Diese Kreuzung – Johannisfreiheit, Kollegienwall, Heinrich-Heine-Straße, Pottgraben – ist heute ein Hot-Spot. An der Ecke Johannisfreiheit/Kollegienwall gibt es eine Bäckerei – und die kennen die Schülerinnen und Schüler der Europaschule sehr gut. Pausensnack, kurze Verschnaufpause, dann zurück in den Unterricht. Das Alando Palais zieht abends Hunderte an. Und das alles liegt gerade mal 120 Meter von dem Platz entfernt, über den wir in dieser Serie schreiben.

Was die wenigsten wissen: Genau hier, an dieser Kreuzung, war einmal das östliche Ende der Johannisfreiheit. Wo heute Schüler, Partygänger, Restaurantgäste und Krankenhausbesucher  aufeinandertreffen, lagen einmal Gartenanlagen, Felder und die Gebäude des Bischofs. Umgeben von Grün. Begrenzt von der Hase.

Und von dort sind es nur 120 Meter bis zur heutigen Johannisfreiheit – dem ruhigen, begrünten Weg zwischen den Krankenhäusern. Wie schön wäre es, von der Schule, mit dem Snack aus der Bäckerei einfach rüberzugehen und sich dort kurz zu erholen. Leise natürlich – denn dort befinden sich das Kinderhospital und das Hospiz. Aber genau das ist der Charakter dieses Ortes: Eine ruhige Oase, mitten im Stadttrubel. Entspannen. Ausruhen..

Nur: Künftig sollen dort 730 Busse am Tag fahren.

Zurück ins 13. Jahrhundert: Mit dem Wachstum der Neustadt verändert sich auch die Johannisfreiheit. Das Stift löst sich auf. Rund um die Kirche entstehen sogenannte Kurien – Wohn- und Verwaltungshäuser der Stiftsherren, umgeben von großen Gärten.

Eine frühe Kurie nordöstlich der Johanniskirche um 1905, im Hintergrund die Kuppel der ersten Stadthalle von Osnabrück, NLA OS, Lichtenbergarchiv.

Ansicht 2026, Die Dechanei von St. Johann.

Südlich der Kirche bleibt der Friedhof. Um ihn herum führt ein halbkreisförmiger Weg – ruhig, kein Durchgangsverkehr. Dieser Weg ist der direkte Vorläufer der heutigen Johannisfreiheit.

Die Johannisfreiheit war zu dieser Zeit kein Platz im modernen Sinne – sie war ein weitläufiger, grüner Bereich rund um die Kirche. Vergleichbar vielleicht mit einem heutigen Bischofsgarten – nur viel größer.


Darstellung: Klaus Meinert

Zusammen mit dem Kirchenbau entstehen die Kuriengebäude auf der Johannisfreiheit. Einige von Ihnen werden bis in das 20. Jahrhundert stehen. Es gibt sogar noch Fotos.

Ein sehr frühes Gebäude war die Neue Mühle. Sie war notwendig, um die wachsende Stadt zu versorgen. Nicht nur ein paar Kunden und Gäste wie im Restaurant und in der Bäckerei heute.

Die dünne rötliche Linie zeigt Grenzen der Johannisfreiheit als sie am größten war – Ihr seht, sie war viel größer als heute.

Frage zum Nachdenken:

Du kennst vielleicht das Alando Palais oder die Neue Mühle. Wusstest Du, dass dort einmal der Bischofssitz und eine mittelalterliche Mühle standen – umgeben von Ländereien und der Hase? Was macht das mit Deinem Blick auf diesen Ort?

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Nächste Woche: 1307/1348 – Zwei Städte und ein selbstbewusstes Rathaus.

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Kapitel 2

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Kapitel 2  |  Die erste urkundliche Erwähnung 1011 – Die Keimzelle der Neustadt entsteht

Wochenende 2 | 4./5. Juli 2026

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Im Jahr 1011 wird auf der sandigen Anhöhe am Fernweg eine erste einfache Stiftskirche errichtet. Das ist der Moment, ab dem wir sicher wissen: Hier entsteht etwas Dauerhaftes.

Aber was genau entsteht da? Kein Dorf im heutigen Sinne. Eher eine kleine Gemeinschaft rund um die Kirche – Geistliche, Handwerker, Bauern. Sie leben zusammen, bewirtschaften das Land, beten, arbeiten.

Was das mit heute zu tun hat? Eine Raumkante begrenzt eine Fläche in der Stadt. Die Straße, die heute „Johannisfreiheit“ heißt, verläuft genau entlang der Grenze dieser ersten Siedlungsfläche. Sie ist nach aktuellem Forschungsstand die älteste noch erkennbare Raumkante in Osnabrück – mindestens 500 Jahre älter als der Marktplatz in der Altstadt.

Typisch für Siedlungen dieser Zeit: Die Kirche steht im Mittelpunkt, und um sie herum bildet sich eine kreis- oder ellipsenförmige Fläche. Ein Schutzring. Innerhalb dieses Rings: Lebensraum, Gärten, Wege. Außerhalb: Felder, Sümpfe, der Fernweg.

Darstellung: Klaus Meinert

Das Stift St. Johann

Dunkelgrün:

Siedlungsfläche, mit den heute noch vorhandenen Fundamenten der ersten Stiftskirche

Braune Linie:

Die heutige Wegeverbindung Johannisfreiheit

Braun gestrichelt:

Aus archäologischen Untersuchungen abgeleitete Verlängerung der Siedlungsbegrenzung

Schwarze Kreuze:

Erster Friedhof (archäologisch nachgewiesen)

Westlich der Kirche, also dort wo heute die Johannisstraße verläuft, erstreckte sich nach Einschätzung des ehemaligen Leiters der Stadtarchäologie Bodo Zehm ein weiträumiger, platzartiger Raum. Kein enger Weg, sondern eine offene Fläche – vergleichbar mit dem, was man heute einen Kirchplatz nennen würde.

Archäologische Funde bestätigen dieses Bild: Unter dem heutigen Westwerk der Johanniskirche wurden 43 Gräber freigelegt – auf einer Fläche von nur 20 Quadratmetern, in einer 1,3 Meter starken Schicht. Die ältesten Bestattungen reichen möglicherweise noch vor die Kirchengründung zurück.

Nach Süden hin war die Siedlung wahrscheinlich durch eine künstliche Befestigung geschützt. Im Norden, Westen und Osten übernahmen die feuchten Niederungen diese Aufgabe. Im Osten war das der Riedenbach. Den sieht man heute nur noch am Schölerberg, dann verschwindet er in der Kanalisation. Lange Zeit war er bis in die Stadt hinein sichtbar. Ungefähr dort, wo heute noch die Neue Mühle steht, floss er in die Hase.

Diese erste Siedlungsfläche – Kirche, Friedhof, Schutzring – ist der Ursprung von allem, was danach kommt. Und ihre Grenze ist bis heute im Stadtbild ablesbar: Als leicht geschwungene Linie, die wir heute Johannisfreiheit nennen.

Frage zum Nachdenken:

Wusstest Du, dass die Johannisfreiheit 500 Jahre älter ist als der Marktplatz in der Altstadt? Stell Dir das bunte Treiben auf dem Platz bei der Stiftgründung vor. Wo anders in Osnabrück ist eine solche Vergangenheit heute im Stadtbild noch so nah? Sprich darüber – mit Freunden, mit Familie, mit Kandidatinnen und Kandidaten vor der Wahl.

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Montag, 20. Juli 2026

Kapitel 1

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Kapitel 1  |  Vor dem Jahr 1000 – Ein besonderer Ort

Wochenende 1 | 27./28. Juni 2026

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Stell Dir Osnabrück vor, lange bevor es Osnabrück war. Keine Stadtmauern, keine Kirchen, keine gepflasterten Straßen. Nur Hügel, Wiesen, Sümpfe – und mittendrin ein Weg.

Dieser Weg war kein gewöhnlicher Pfad. Er war ein Fernweg – eine der großen Handelsrouten, die von südlich der Alpen bis hinauf nach Skandinavien führte. Händler, Pilger, Boten: Sie alle nutzten ihn. Und an einer bestimmten Stelle wurde dieser Weg besonders interessant.

Hier, wo heute die Johannisstraße verläuft, gab es eine sandige Anhöhe – trocken, gut begehbar, von Natur aus geschützt. Im Westen, Norden und Osten lagen feuchte Niederungen, Bäche und Sumpfgebiete. Wer hier lebte, hatte natürlichen Schutz auf drei Seiten. Im Süden stieg das Gelände an – der Ausläufer des Schölerbergs – der Johannisrücken.

Ein idealer Ort zum Leben: trocken, geschützt, fruchtbar – und direkt am wichtigsten Weg der Region.

Dass hier schon vor dem Jahr 1000 Menschen lebten, ist nicht erfunden. Bei Ausgrabungen unter der heutigen Johanniskirche wurden Gräber gefunden. Die Beigaben – kleine Schmuckstücke aus Bronze und einer Zinn-Blei-Legierung – datieren Archäologen in das 9. oder 10. Jahrhundert. Sie stammen also aus einer Zeit, bevor dieser Ort urkundlich erwähnt wurde.

Jemand hat hier gelebt. Jemand hat hier seine Toten begraben. Wer das war, wissen wir nicht. Aber der Ort war schon damals kein leerer Fleck auf der Karte. Er war eine der beiden Keimzellen, aus der Osnabrück gewachsen ist.

Was das mit heute zu tun hat? Osnabrück ist aus der Altstadt und der Neustadt entstanden. Der Platz an der Straße, die heute „Johannisfreiheit“ heißt, war einer dieser zwei Ursprünge. Auch deshalb hat man sie vor 25 Jahren verkehrsberuhigt. Um die Reste der Johannisfreiheit zu schützen. Um an ihre Bedeutung zu erinnern. Wie der Marktplatz in der Altstadt.

Und genau diese Straße soll nach einem Ratsbeschluss vom Oktober 2024 zur Bustrasse werden – betoniert, verbreitert, dem Verkehr geöffnet.

Darstellung: Klaus Meinert

Hier wird das Stift St. Johann gegründet werden.

Es wird die Johannisfreiheit entstehen, um sie herum die Neustadt.

Sie wird sich später in einem Jahrhunderte dauernden Prozess mit der Altstadt vereinen – zur Stadt Osnabrück.

Dieser Zusammenschluss wird noch heute alljährlich im Rathaus gefeiert.

Persönlichkeiten aus Osnabrück reichen sich jedes Jahr die Hände beim Handgiftentag – So wie sich die Altstädter und die Neustädter die Hände gereicht haben – als Ausdruck des Respekts füreinander und um gemeinsam stärker zu sein.

Frage zum Nachdenken:

Wie viele Orte in Osnabrück haben eine über 1.000-jährige dokumentierte Geschichte? Frag Kandidatinnen und Kandidaten: Wie schützt die Stadt solche Orte – und was passiert, wenn Planungen damit in Konflikt geraten?

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Was wir verlieren werden - wenn wir es nicht schützen

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