Freitag, 31. Juli 2026

Kapitel 6

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"Die letzten 30 Jahre im Rückblick"

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Kapitel 6  |  1633–1850 – Was Karten sonst noch erzählen – und was sie verschweigen

Wochenende 6 | 1./2. August 2026

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Im letzten Kapitel haben wir gesehen, wie der Schwedenplan von 1633 die 600-jährige Kontinuität der Johannisfreiheit belegt. Jetzt schauen wir genauer hin – und fragen, ob sich das, was diese Karte zeigt, in den folgenden Jahrhunderten verändert hat. Soviel vorweg: Äußerlich verändert sich die Johannisfreiheit fast gar nicht. Aber am Ende dieser Epoche ist die Johannisfreiheit dennoch ganz anders als zu ihrem Beginn.

Hier noch einmal ein Ausschnitt des Schwedenplans aus dem „Riksarkivet“ in Stockholm. Er ist die erste verlässliche Karte von Osnabrück.

Kopie des Schwedenplans von Knyphausen, 1633, NLA OS, K, 62a Nr. 107 H

Was zeigt der Schwedenplan? Der Weg südlich der Johanniskirche ist kein gerader Durchgangsweg. Er ist ein Viertelkreis – Teil der früheren Platzbegrenzung rund um die Kirche. Östlich der Kirche liegt der große, rechteckige Platz, den wir im letzten Kapitel kennengelernt haben. Und zwischen der Johanniskirche und dem Augustinerkloster ist sogar ein kleines Wäldchen eingetragen. Mitten in der Stadt. Im 17. Jahrhundert.

Die Johannisfreiheit war zu dieser Zeit ein grüner Ort – ländlich, ruhig, abgeschieden. Karten des 18. Jahrhunderts bestätigen das: Einzelbebauung, große Gärten. So prägte die Johannisfreiheit das Stadtbild bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Aber Karten erzählen nicht nur durch das, was sie zeigen. Sie erzählen auch durch das, was sie weglassen.

Ende des 18. Jahrhunderts kartiert der Vermesser und Kartograph Christian Ludolph Reinhold die Stadt Osnabrück. Sein Hausnummernplan von 1789/90 ist eine bemerkenswerte Quelle. Reinhold zeichnet die Häuser sehr genau ein – und er nummeriert sie. Aber nicht alle.

Nur die Häuser im Privatbesitz bekommen Hausnummern. Die Häuser im Kirchenbesitz haben keine. Der Grund ist einfach: Nur Privatleute mussten Steuern zahlen. Kirchenbesitz war steuerfrei. Wer keine Steuern zahlt, braucht keine Nummer.

Was bedeutet das für die Johannisfreiheit? Schau dir Reinholds Plan an – und zähle die Nummern auf der Johannisfreiheit. Merkst Du es? Es gibt keine. Sie stehen nur an Gebäuden jenseits der alten Grenze der Johannisfreiheit. Auf der Johannisfreiheit selbst gehört alles der Kirche. Die Johannisfreiheit ist so kirchlich, dass der Staat sie nicht einmal zählen muss.

Die Johannisfreiheit als Ausschnitt im Plan von Christian Ludolph Reinhold. Hier siehst Du die alten Kuriengebäude. Das sind die Häuser ohne Nummern.

Das Neustädter Rathaus hat natürlich eine Nummer. Auch wenn das Grundstück ursprünglich ein Teil der Johannisfreiheit war. Denn in der Urkunde wurde vereinbart, dass es nach dem Bau des Rathauses der Stadt gehören soll.

Hausnummernplan von Reinhold, 1789/1790, Ausschnitt Johannisfreiheit, NLA OS, K, 62a Nr. 108 H.

Im 19. Jahrhundert ändert sich das. Es werden sogenannte Grundsteuercoupons angelegt: Jedes Grundstück wird erfasst, gezeichnet und die Zeichnung als Dokumentation der zu entrichtenden Grundsteuer jedem Grundstück zugeordnet. Auch kirchliche Grundstücke. Daraus entsteht ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Kataster – ein System, das wir bis heute kennen.

Aber bis dahin gilt: Die Johannisfreiheit ist ein Ort, der sich dem staatlichen Zugriff weitgehend entzieht. Kein Verkehr, keine Steuern, keine Nummern. Ein Ort außerhalb der normalen Stadtlogik.

Durch das Betreten der Johannisfreiheit verließen die Bürgerinnen und Bürger die weltliche Gerichtsbarkeit und begaben sich in den Schutz der Kirche.

Das ist keine Kleinigkeit. Es bedeutet: Die Johannisfreiheit war über Jahrhunderte bewusst anders. Nicht weil niemand sie wollte – sondern weil sie geschützt war. Durch Kirchenrecht, durch Tradition, durch den Respekt vor dem, was dort war und bis heute ist.

Frage zum Nachdenken:

Karten lügen nicht – Was sagt es über einen Ort, wenn er auf einer Steuerkarte nicht vorkommt? Die Johannisfreiheit war über Jahrhunderte nicht nur ein weitgehend unberührter naturnaher Stadtkern. Sie unterlag auch nicht dem Einfluss der bürgerlichen Verwaltung und Rechtsprechung. Bürger waren geschützt, wenn sie die Johannisfreiheit betraten. Was sagt es über unsere Zeit, wenn wir diesen Ort, der den Bürgern so lange Zeit als Rückzugsort zur Verfügung stand, nun für eine Bustrasse großflächig betonieren wollen?

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Nächste Woche: 1860–1928 – Die Stadt plant. Und die Moderne kommt.

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Freitag, 24. Juli 2026

Kapitel 5

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"Die letzten 30 Jahre im Rückblick"

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Kapitel 5  |  1633 – Ein Beweis: 600 Jahre nach der Stiftsgründung dokumentiert

Wochenende 5 | 25./26. Juli 2026

Manchmal muss man innehalten und zurückschauen, um zu verstehen, was man eigentlich schon weiß.

Im Jahr 1011 wurde das Stift St. Johann gegründet. Aus den archäologischen Funden und vergleichbaren Ansiedlungen zu der Zeit haben wir abgeleitet, dass es eine kreisförmige Siedlungsfläche rund um die Kirche gegeben haben muss. Karten aus der Gründungszeit, die das belegen, gibt es nicht. Aber später entstehen Karten. Aus dem Jahr 1633 – mitten im Dreißigjährigen Krieg – kennen wir gleich zwei Karten von Osnabrück.

Die eine Karte ist der sogenannte Schwedenplan von Knyphausen: Eine nüchterne, kartographisch präzise Zeichnung, angefertigt von schwedischen Truppen, die von außerhalb der Stadt auf sie blickten. Ihr Interesse war militärisch – sie wollten wissen, wo Mauern, Wege und freie Flächen verlaufen.

Die andere stammt von Wenzel Hollar: Eine künstlerische, beinahe prunkvolle Vogelschau, die einen möglichst beeindruckenden Gesamteindruck der Stadt vermitteln sollte. Im letzten Kapitel haben wir einen kleinen Ausschnitt aus einem Nachdruck, das Neustädter Rathaus, bereits gesehen.

Der „Schwedenplan von Knyphausen, 1633. Das Original liegt im „Riksarkivet“ in Stockholm. Denn er wurde im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden angefertigt.

Aber eine Kopie des Planes liegt im Landesarchiv mit der Signatur NLA OS, K, 62a Nr. 107 H. Der Bildausschnitt zeigt die Johannisfreiheit

Die Ansicht von Wenzel Hollar aus dem Jahr 1633. Sie liegt im Landesarchiv mit der Signatur NLA OS, K 062a Nr 006H. Die Gebäudedarstellungen sind darin stark idealisiert. Sie entsprechen nicht der Realität. Dennoch findet man wichtige Eckpunkte aus dem Schwedenplan auch hier wieder. Hier der Blick auf die Johannisfreiheit von Osten.

 

Zwei völlig verschiedene Absichten – aber fast derselbe Blickwinkel. Beide Zeichner standen im Osten und blickten auf die Stadt. Und beide haben, jeder auf seine Weise, denselben Ort festgehalten.

Um die Johanniskirche herum zeigen beide Karten eine viertelkreisförmige Fläche, klar abgetrennt durch eine Mauer. Von der ersten Siedlungsfläche hat ein Viertel die Zeit überdauert. Sie ist zu einem Friedhof geworden und damit zu einem Ruheraum, geschützt durch die Mauer.

Das ist nun keine Vermutung mehr. Das ist ein Beleg.

Und es gibt noch mehr zu entdecken. Jenseits der Mauer ist eine große Stadt mit einem Wegenetz entstanden. Unterhalb der Kirche zeigen beide Karten einen rechteckigen Platz auf den Wege zulaufen. Diesen Platz haben die Bürger jener Zeit östlich der Kirche neu angelegt. Damit haben sie die Reste der ursprünglichen Siedlungsfläche südlich der Kirche bewusst oder unbewusst als Ruheraum geschützt.

Die Stadt ist 600 Jahre lang gewachsen. Ihr Wachstum war begrenzt durch die Stadtmauern. Aber der alte Ruheraum südlich der Kirche wurde nicht angetastet. Er war etwas Besonderes. Man hat um ihn herumgebaut – nicht in ihn hinein.

Was das bedeutet: Die Menschen haben über Jahrhunderte den Ort respektiert, aus dem heraus sich ihre Stadt entwickelt hat.

Dieser Zustand – Ruheraum innen, Wachstum außen – bleibt für weitere gut 200 Jahre so bestehen, wie er 1633 festgehalten wurde. Erst im 19. Jahrhundert, mit dem Bau der städtischen Kanalisation, beginnt sich das zu verändern. Aber das ist eine andere Geschichte – sie beginnt im nächsten Kapitel.

Frage zum Nachdenken:

Ein Ort wurde so viele Jahrhunderte respektiert – aus Rücksicht auf das, was dort war. Was sagt es über uns, wenn eine Grenze, die so lange gehalten hat, heute innerhalb weniger Jahre ihren Charakter verlieren könnte?

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Nächste Woche: 1633–1850 – Was Karten sonst noch erzählen – und was sie verschweigen

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Dienstag, 21. Juli 2026

Kapitel 4

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"Die letzten 30 Jahre im Rückblick"

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Kapitel 4  |  1307/1348 – Zwei Städte und ein selbstbewusstes Rathaus

Wochenende 4 | 18./19. Juli 2026

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Im März 1307 beschließen Altstadt und Neustadt, gemeinsam aufzutreten. Sie bilden einen gemeinsamen Rat. Das klingt nach einer Unterwerfung der kleineren Neustadt – aber so einfach ist es nicht.

Denn die Neustadt behält weitreichende Rechte: Eine eigene innere Verwaltung, eine eigene Einnahmestelle für Steuern und Abgaben, eine eigene Gerichtsbarkeit für innere Angelegenheiten. Diese Eigenständigkeit wird sie bis 1813 mal mehr, mal weniger behalten. Schon 1312 führt sie wieder ein eigenes Siegel. Die Vereinbarung von 1307 ist eher ein Bekenntnis, nach außen gemeinsam aufzutreten – kein Aufgehen in der Altstadt.

Das Selbstbewusstsein der Neustadt zeigt sich deutlich im Jahr 1348: Sie baut ein eigenes Rathaus – direkt auf der Johannisfreiheit, auf kirchlichem Grund, mit ausdrücklicher Genehmigung der Stiftsherren von St. Johann.

Beide Städte haben damit ein Rathaus. Aber das neue Rathaus der Neustadt ist größer als das zeitgenössische der Altstadt. Es beherbergt Gericht, Verwaltung und Handel unter einem Dach. Hier tagt der Neustädter Rat, hier werden Steuern eingezogen, hier wird Tuch gehandelt – denn die Neustadt ist zu dieser Zeit ein bedeutendes Zentrum der Wollweberei.

Schau auf das Rathaus in der Abbildung von Wenzel Hollar. Es ist prunkvoll dargestellt. Es steht für das Selbstbewusstsein der Bürger und für ein wirtschaftliches Wachstum. Natürlich wissen wir nicht, ob es wirklich so ausgesehen hat. Aber das, was wir heute sehen, ist trotz Kriegszerstörungen und Umbauten noch immer ein großes stattliches Haus.

Das Neustädter Rathaus 1633 als idealisierte Darstellung. Die Darstellung sendet als Botschaft: Dieses Rathaus ist imposant.

Detail im Plan von Wenzel Hollar, in der Version als kolorierter Nachdruck von 1993.

Das Neustädter Rathaus 2026. Noch immer raumprägend im Zentrum der Neustadt. Aus dieser Perspektive ist das Ausmaß der Kriegsschäden gut zu erkennen.

Die Urkunde zum Rathausbau ist bis heute erhalten. Sie regelt penibel: Welcher Grund gehört der Stadt, welcher bleibt Kircheneigentum. Sogar die Fenster werden vertraglich geregelt – zwei Fenster im Obergeschoss durften nicht vollständig geöffnet werden, damit niemand Abfälle auf den Hof des Propstes werfen konnte.

Kirche und Rathaus stehen nun auf der Johannisfreiheit. Sie begrenzen den Ruheraum nach Norden und Süden. Der Friedhof liegt dazwischen. Dieser Ort – Kirche, Rathaus, Kirchhof – ist das Herz der Neustadt. Und dieses Herz schlägt bis heute: Das Neustädter Rathaus steht noch immer an der Ecke Johannisstraße/Johannisfreiheit – gegenüber der Kirche. Das alte Rathaus der Altstadt gibt es nicht mehr. 1512 wurde ein neues gebaut.

Nach dem Zusammenschluss von Altstadt und Neustadt vereinbaren beide die sogenannte 'Sate' – ihr gemeinsames Grundgesetz. Es ist im Stadtbuch von Osnabrück eingetragen, das bereits seit 1297 geführt wird. Darin regeln sie, wie sie als Partner miteinander umgehen: Gemeinsam nach außen, eigenständig nach innen. Respekt füreinander. Stärke durch Zusammenhalt.

Klingt das bekannt? Es ist eigentlich ein ziemlich modernes Konzept. Und dieses Konzept lebt bis heute. Jedes Jahr treffen sich Persönlichkeiten aus Osnabrück im Rathaus zum sogenannten Handgiftentag – sie reichen sich die Hände, so wie sich Altstädter und Neustädter die Hände gereicht haben. Als Zeichen des Respekts. Um an diesen Zusammenhalt zu erinnern. Denn gemeinsam ist man stärker.

Im 13. und 14. Jahrhundert steigt die Einwohnerzahl stark an. Durch Kriege und Epidemien geht sie bis ins 17. Jahrhundert jedoch wieder zurück. Viele der Häuser, die für 1648 als „nachgewiesen“ gelten, sind bereits in den Gründungsjahren der Stadt entstanden. Das sind Indizien dafür, dass die Situation aus dem 17. Jahrhundert auch als Maßstab für das 14. Jahrhundert angenommen werden kann.

Ein Detail am Rande: Es gibt nun auch eine Stadtbefestigung rund um die Neustadt.

Darstellung: Klaus Meinert 

Im 14. Jahrhhundert wächst die Stadt rasant. Wir können nicht sagen, welche Häuser wann entstehen. Wenn Du allerdings in die Marienkirche gehst, dann wirst Du dort das Stadtmodell von 1648 sehen. Die Häuser, die dort dargestellt sind, wurden wissenschaftlich nachgewiesen. Die Darstellung links nutzt die gleiche Quelle.

Hellgrau die Kurien, die nach der Stiftsauflösung und mit dem Bau der heutigen Kirche beginnen zu entstehen.

Frage zum Nachdenken:

Das Neustädter Rathaus steht seit fast 700 Jahren auf der Johannisfreiheit – und ist bisher nicht Teil des Denkmalschutzes für die Gesamtanlage. Warum nicht? Frag nach – bei Historikern, bei Politikerinnen und Politikern, bei der Denkmalpflege.

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Nächste Woche: 1633 – Ein Beweis: 600 Jahre nach der Stiftsgründung dokumentiert.

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Kapitel 3

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Kapitel 3  |  1240–1272 – Eine neue Stadt wächst - und wird größer als Du denkst

Wochenende 3 | 11./12. Juli 2026

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Rund 200 Jahre nach der Stiftsgründung passiert etwas Entscheidendes: Die Siedlung rund um St. Johann wird zu einer richtigen Stadt. Die „Newe Statt“ – die Neustadt – entsteht, wahrscheinlich in den 1230er Jahren, als eigenständige Stadtgründung südlich der bereits bestehenden Altstadt Osnabrück.

Und 1254 wird die alte Stiftskirche durch einen Neubau ersetzt – die heutige Johanniskirche. Sie rückt dabei näher an den Fernweg heran, der zu dieser Zeit schon als „Große Straße“ bekannt ist.

Aber hier ist etwas Wichtiges: Die Johannisfreiheit, über die wir heute sprechen, ist nur ein kleiner Rest von dem, was sie einmal war. Die historische Johannisfreiheit reichte fast von der Kommenderiestraße im Westen bis zur Hase im Osten – von der Goldstraße im Süden bis zum Kollegienwall im Norden. Sie war für damalige Verhältnisse riesig. Grün. Und es war Kirchenbesitz.

Stell Dir das mal vor: Wo heute die Berufsbildenden Schulen am Pottgraben stehen – die Europaschule – stand einmal der Bischöfliche Martinshof. Er wurde um 1272 errichtet, direkt neben der Neuen Mühle an der Hase. Und er war kein gewöhnliches Gebäude: Ab dem 14. Jahrhundert war er der Wohn- und Amtssitz des Bischofs von Osnabrück. Der Bischof zog also von der Altstadt in die Neustadt – auf die Johannisfreiheit.

Abbruch des Bischöflichen Martinshofs, ca. 1895, NLA OS, Erw A 62, Akz 2017/67 Nr. 392.

Ansicht 2026, Berufsbildende Schulen am Pottgraben.

 

Und die Neue Mühle? Sie entstand um 1253, ebenfalls auf bischöflichem Grund, direkt an der Hase. Heute steht dort das Restaurant „The Mill – Burger und Pizza“. Direkt gegenüber, wo früher die Stadtmauer stand, befindet sich heute das Alando Palais – eine bekannte Eventlocation in Osnabrück.

Wehr der neuen Mühle mit Übergang zur Stadtbefestigung, ca. 1900, NLA OS, Erw A 62, Akz. 2017/67 Nr. 178, Auf den Bildern ist nicht die Ursprungsbebauung zu sehen.

Ansicht 2026, Brücke über die Hase mit der Neuen Mühle am rechten Bildrand.

 

Kurz innehalten: Diese Kreuzung – Johannisfreiheit, Kollegienwall, Heinrich-Heine-Straße, Pottgraben – ist heute ein Hot-Spot. An der Ecke Johannisfreiheit/Kollegienwall gibt es eine Bäckerei – und die kennen die Schülerinnen und Schüler der Europaschule sehr gut. Pausensnack, kurze Verschnaufpause, dann zurück in den Unterricht. Das Alando Palais zieht abends Hunderte an. Und das alles liegt gerade mal 120 Meter von dem Platz entfernt, über den wir in dieser Serie schreiben.

Was die wenigsten wissen: Genau hier, an dieser Kreuzung, war einmal das östliche Ende der Johannisfreiheit. Wo heute Schüler, Partygänger, Restaurantgäste und Krankenhausbesucher  aufeinandertreffen, lagen einmal Gartenanlagen, Felder und die Gebäude des Bischofs. Umgeben von Grün. Begrenzt von der Hase.

Und von dort sind es nur 120 Meter bis zur heutigen Johannisfreiheit – dem ruhigen, begrünten Weg zwischen den Krankenhäusern. Wie schön wäre es, von der Schule, mit dem Snack aus der Bäckerei einfach rüberzugehen und sich dort kurz zu erholen. Leise natürlich – denn dort befinden sich das Kinderhospital und das Hospiz. Aber genau das ist der Charakter dieses Ortes: Eine ruhige Oase, mitten im Stadttrubel. Entspannen. Ausruhen..

Nur: Künftig sollen dort 730 Busse am Tag fahren.

Zurück ins 13. Jahrhundert: Mit dem Wachstum der Neustadt verändert sich auch die Johannisfreiheit. Das Stift löst sich auf. Rund um die Kirche entstehen sogenannte Kurien – Wohn- und Verwaltungshäuser der Stiftsherren, umgeben von großen Gärten.

Eine frühe Kurie nordöstlich der Johanniskirche um 1905, im Hintergrund die Kuppel der ersten Stadthalle von Osnabrück, NLA OS, Lichtenbergarchiv.

Ansicht 2026, Die Dechanei von St. Johann.

Südlich der Kirche bleibt der Friedhof. Um ihn herum führt ein halbkreisförmiger Weg – ruhig, kein Durchgangsverkehr. Dieser Weg ist der direkte Vorläufer der heutigen Johannisfreiheit.

Die Johannisfreiheit war zu dieser Zeit kein Platz im modernen Sinne – sie war ein weitläufiger, grüner Bereich rund um die Kirche. Vergleichbar vielleicht mit einem heutigen Bischofsgarten – nur viel größer.


Darstellung: Klaus Meinert

Zusammen mit dem Kirchenbau entstehen die Kuriengebäude auf der Johannisfreiheit. Einige von Ihnen werden bis in das 20. Jahrhundert stehen. Es gibt sogar noch Fotos.

Ein sehr frühes Gebäude war die Neue Mühle. Sie war notwendig, um die wachsende Stadt zu versorgen. Nicht nur ein paar Kunden und Gäste wie im Restaurant und in der Bäckerei heute.

Die dünne rötliche Linie zeigt Grenzen der Johannisfreiheit als sie am größten war – Ihr seht, sie war viel größer als heute.

Frage zum Nachdenken:

Du kennst vielleicht das Alando Palais oder die Neue Mühle. Wusstest Du, dass dort einmal der Bischofssitz und eine mittelalterliche Mühle standen – umgeben von Ländereien und der Hase? Was macht das mit Deinem Blick auf diesen Ort?

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Nächste Woche: 1307/1348 – Zwei Städte und ein selbstbewusstes Rathaus.

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Was wir verlieren werden - wenn wir es nicht schützen

Kapitel 11

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