Dienstag, 21. Juli 2026

Kapitel 4

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"Die letzten 30 Jahre im Rückblick"

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Kapitel 4  |  1307/1348 – Zwei Städte und ein selbstbewusstes Rathaus

Wochenende 4 | 18./19. Juli 2026

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Im März 1307 beschließen Altstadt und Neustadt, gemeinsam aufzutreten. Sie bilden einen gemeinsamen Rat. Das klingt nach einer Unterwerfung der kleineren Neustadt – aber so einfach ist es nicht.

Denn die Neustadt behält weitreichende Rechte: Eine eigene innere Verwaltung, eine eigene Einnahmestelle für Steuern und Abgaben, eine eigene Gerichtsbarkeit für innere Angelegenheiten. Diese Eigenständigkeit wird sie bis 1813 mal mehr, mal weniger behalten. Schon 1312 führt sie wieder ein eigenes Siegel. Die Vereinbarung von 1307 ist eher ein Bekenntnis, nach außen gemeinsam aufzutreten – kein Aufgehen in der Altstadt.

Das Selbstbewusstsein der Neustadt zeigt sich deutlich im Jahr 1348: Sie baut ein eigenes Rathaus – direkt auf der Johannisfreiheit, auf kirchlichem Grund, mit ausdrücklicher Genehmigung der Stiftsherren von St. Johann.

Beide Städte haben damit ein Rathaus. Aber das neue Rathaus der Neustadt ist größer als das zeitgenössische der Altstadt. Es beherbergt Gericht, Verwaltung und Handel unter einem Dach. Hier tagt der Neustädter Rat, hier werden Steuern eingezogen, hier wird Tuch gehandelt – denn die Neustadt ist zu dieser Zeit ein bedeutendes Zentrum der Wollweberei.

Schau auf das Rathaus in der Abbildung von Wenzel Hollar. Es ist prunkvoll dargestellt. Es steht für das Selbstbewusstsein der Bürger und für ein wirtschaftliches Wachstum. Natürlich wissen wir nicht, ob es wirklich so ausgesehen hat. Aber das, was wir heute sehen, ist trotz Kriegszerstörungen und Umbauten noch immer ein großes stattliches Haus.

Das Neustädter Rathaus 1633 als idealisierte Darstellung. Die Darstellung sendet als Botschaft: Dieses Rathaus ist imposant.

Detail im Plan von Wenzel Hollar, in der Version als kolorierter Nachdruck von 1993.

Das Neustädter Rathaus 2026. Noch immer raumprägend im Zentrum der Neustadt. Aus dieser Perspektive ist das Ausmaß der Kriegsschäden gut zu erkennen.

Die Urkunde zum Rathausbau ist bis heute erhalten. Sie regelt penibel: Welcher Grund gehört der Stadt, welcher bleibt Kircheneigentum. Sogar die Fenster werden vertraglich geregelt – zwei Fenster im Obergeschoss durften nicht vollständig geöffnet werden, damit niemand Abfälle auf den Hof des Propstes werfen konnte.

Kirche und Rathaus stehen nun auf der Johannisfreiheit. Sie begrenzen den Ruheraum nach Norden und Süden. Der Friedhof liegt dazwischen. Dieser Ort – Kirche, Rathaus, Kirchhof – ist das Herz der Neustadt. Und dieses Herz schlägt bis heute: Das Neustädter Rathaus steht noch immer an der Ecke Johannisstraße/Johannisfreiheit – gegenüber der Kirche. Das alte Rathaus der Altstadt gibt es nicht mehr. 1512 wurde ein neues gebaut.

Nach dem Zusammenschluss von Altstadt und Neustadt vereinbaren beide die sogenannte 'Sate' – ihr gemeinsames Grundgesetz. Es ist im Stadtbuch von Osnabrück eingetragen, das bereits seit 1297 geführt wird. Darin regeln sie, wie sie als Partner miteinander umgehen: Gemeinsam nach außen, eigenständig nach innen. Respekt füreinander. Stärke durch Zusammenhalt.

Klingt das bekannt? Es ist eigentlich ein ziemlich modernes Konzept. Und dieses Konzept lebt bis heute. Jedes Jahr treffen sich Persönlichkeiten aus Osnabrück im Rathaus zum sogenannten Handgiftentag – sie reichen sich die Hände, so wie sich Altstädter und Neustädter die Hände gereicht haben. Als Zeichen des Respekts. Um an diesen Zusammenhalt zu erinnern. Denn gemeinsam ist man stärker.

Im 13. und 14. Jahrhundert steigt die Einwohnerzahl stark an. Durch Kriege und Epidemien geht sie bis ins 17. Jahrhundert jedoch wieder zurück. Viele der Häuser, die für 1648 als „nachgewiesen“ gelten, sind bereits in den Gründungsjahren der Stadt entstanden. Das sind Indizien dafür, dass die Situation aus dem 17. Jahrhundert auch als Maßstab für das 14. Jahrhundert angenommen werden kann.

Ein Detail am Rande: Es gibt nun auch eine Stadtbefestigung rund um die Neustadt.

Darstellung: Klaus Meinert 

Im 14. Jahrhhundert wächst die Stadt rasant. Wir können nicht sagen, welche Häuser wann entstehen. Wenn Du allerdings in die Marienkirche gehst, dann wirst Du dort das Stadtmodell von 1648 sehen. Die Häuser, die dort dargestellt sind, wurden wissenschaftlich nachgewiesen. Die Darstellung links nutzt die gleiche Quelle.

Hellgrau die Kurien, die nach der Stiftsauflösung und mit dem Bau der heutigen Kirche beginnen zu entstehen.

Frage zum Nachdenken:

Das Neustädter Rathaus steht seit fast 700 Jahren auf der Johannisfreiheit – und ist bisher nicht Teil des Denkmalschutzes für die Gesamtanlage. Warum nicht? Frag nach – bei Historikern, bei Politikerinnen und Politikern, bei der Denkmalpflege.

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Nächste Woche: 1633 – Ein Beweis: 600 Jahre nach der Stiftsgründung dokumentiert.

💬  Mitmachen: Rund um die Johannisfreiheit passiert gerade einiges. Informier Dich – und mach mit: www.openpetition.de/!hcyhc

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