Freitag, 4. September 2026

Kapitel 11

 

Und was steht im Bebauungsplan? Nachzulesen nach dem "Klick" auf der rechten Seite:
"Die letzten 30 Jahre im Rückblick"

Kapitel 11  |  Was bleibt? Was verlieren wir? Geht hin und schaut es Euch an! Ihr werdet etwas entdecken: Ein Rathaus mit zwei Gesichtern!

Wochenende 11 | 5./6. September 2026

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Zehn Wochen haben wir über die Geschichte der Johannisfreiheit geschrieben. Heute gehen wir hin. Nicht in die Vergangenheit – sondern in die Gegenwart. Was ist noch da? Was kann man noch sehen, fühlen, erleben?

Fang an der Kreuzung Johannisfreiheit/Kollegienwall/Heinrich-Heine-Straße/Pottgraben an. Das ist einer der beiden Hot-Spots an den Enden der Johannisfreiheit: Schülerinnen und Schüler der Europaschule in der Pause, das Alando Palais, die Neue Mühle – heute „The Mill". Laut, lebendig, urban. Und doch: Nur 120 Meter entfernt beginnt eine andere Welt.

Geh die Johannisfreiheit entlang – nach Westen. Rechts und links: Das Hospiz, Krankenhaus, Kindergärten, Kirche, Pflegeeinrichtungen, das Kinderhospital, schmale Durchfahrt mit Natursteinpflaster, Bäume. Kein Durchgangsverkehr. Stille. Mitten in der Innenstadt.

Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis von tausend Jahren Geschichte – und einer bewussten Entscheidung im Jahr 2002. Dieser Weg war immer ein Weg der Ruhe. Und er ist es heute wieder.

Am westlichen Ende: Das Neustädter Rathaus. Fast 700 Jahre alt. Heute mit Gastronomie, einem kleinen Platz, Tischen im Freien. Gegenüber: Die Johanniskirche. Zusammen bilden sie das Herz der Neustadt – so wie seit dem 14. Jahrhundert.

Bleib hier stehen. Denn genau an dieser Stelle triffst Du auf etwas, das Du auf deinem ganzen Weg noch nicht gesehen hast.

Es begann mit einem Weg … – so haben wir diese Serie begonnen. … und vielleicht einem unscheinbaren Abzweig nach Osten, zur Hase.

 

Foto: Dr. Eva Berger

Du bist diesen Abzweig jetzt in Gedanken zurückgegangen – von der Hase im Osten bis hierher, an sein westliches Ende, dem zweiten Hotspot der Johannisfreiheit. Hier bist Du zurück am alten Fernweg, der seit Jahrtausenden Handel von südlich der Alpen bis nach Skandinavien trug – bis heute im Stadtbild lesbar. Er hieß später die „Große Straße", heute Johannisstraße.

Blick in die Johannisstraße von Norden, vor 1905, NLA OS, Lichtenbergarchiv

Ansicht 2026, M. Meinert

Schau Dir das historische Foto an. Der Blick geht von Norden, an der Johanniskirche vorbei, in die Johannisstraße hinein. Straßenbahnschienen, eine Pferdekutsche, dichtes städtisches Leben. Genau hier, an dieser Stelle, lag vor 1.000 Jahren der Keim der ersten Ansiedlung – dort, wo der Fernweg vom Schölerberg herunterkam und die letzte Anhöhe vor den Bachniederungen traf.

Schon früh, bevor 1348 das Neustädter Rathaus gebaut wurde, standen entlang der Johannisstraße Marktstände. Das ist urkundlich belegt. Die Straße war nicht nur Verkehrsweg – sie war auch Handelsplatz.

Direkt daneben – auf kirchlichem Grund, mit Genehmigung der Stiftsherren – entstand das Neustädter Rathaus. Und wer heute genau hinschaut, erkennt: Das Gebäude selbst trägt diese doppelte Geschichte noch immer in seiner Architektur.

Zur Johannisstraße hin springt ein Kranerker aus der Fassade – ein steinernes Zeugnis dafür, dass hier über Jahrhunderte schwere Waren gehoben und gehandelt wurden. Der Fernweg, der Handel, der Verkehr: Dem wendet sich diese Seite des Rathauses zu.

Auf der anderen Seite, zur Johannisfreiheit hin – zu dem Weg, den Du gerade entlanggegangen bist – ist es seit jeher anders: Dort, wo heute wie früher der kirchliche Grund und Ruheraum beginnt, sitzen Menschen in der Außengastronomie des Rathauses. Sie blicken dabei auf das Kinderhospital – dorthin, wo Ruhe und Erholung besonders gebraucht werden. Ruhe statt Handel. Verweilen statt Vorbeifahren. Schon in der Urkunde zum Rathausbau wurden Fassadengestaltung und Fenstergrößen genau festgelegt. Der Propst von St. Johann, der dem Rathaus gegenüber lebte, ließ urkundlich festhalten, dass von dort keine ruhestörenden Eingriffe in seine Umgebung ausgehen dürfen.

Vergleiche jetzt das aktuelle Farbfoto mit dem historischen: Dieselbe Ecke, derselbe Blick. Das alte Winterbild zeigt kahle Bäume, das aktuelle Frühlingsfoto ein leuchtendes Grün, das zur Johannisfreiheit hin immer dichter wird.

Genau von dort – von dem Weg, den Du gerade zurückgelegt hast – sollen künftig 730 Busse täglich in die Johannisstraße einbiegen. Aus einer Richtung kommend, aus der es eigentlich nur ganz ruhig weiter Richtung Hase gehen sollte.

Sie würden damit eine Grenze durchbrechen, die das Neustädter Rathaus seit 678 Jahren allein durch seine bauliche Gestaltung markiert.

Das zeigt auch das Logo, das sich die Historiker zu Beginn ihrer Proteste Anfang 2025 gegeben haben. Es greift genau dieses Bild auf: Zwei Giebel, wie die zwei Dächer des Rathauses. Auf der einen Seite ein Baum – der Ruhepol. Auf der anderen Fußgänger und ein Fahrrad – der langsame, menschliche Verkehr. Und dazwischen: der durchgestrichene Bus.


Mein Foto


Logo der Initiative „Keine Bustrasse über die Johannisfreiheit“.

Von Osnabrücker Historikern im Januar 2025 initiiert und Startpunkt zahlreicher Proteste, die auch zu einer breit angelegten Bürgerinitiative und Petition geführt haben.

Was das Rathaus seit 1348 in Stein zeigt, was der Schwedenplan 1633 als Mauer um den Friedhof festhält, was Reinholds Karte 1789 durch fehlende Hausnummern verrät – es ist immer dieselbe Geschichte: zwei Seiten, zwei Aufgaben, sorgfältig geteilt. Handel hier. Ruhe dort.

Diese Teilung hat fast 700 Jahre gehalten.

Was ist verloren? Viel:

  • Die Pfaffenstraße, die einst im Halbkreis um die Kirche führte – überbaut.
  • Die Grünflächen und Obstwiesen des Waisenhauses nördlich der Kirche – bebaut.
  • Die Kurien mit kunstvollen Barockgärten, der Martinshof – abgerissen.
  • Die ursprüngliche Ausdehnung der Johannisfreiheit bis zur Hase – längst überbaut und versiegelt.

Und doch: Die Grundidee der Bürgerinnen und Bürger – schon vor 1.000 Jahren entstanden, sich hier einen Ort der Ruhe zu bewahren – ist noch immer da.

Diese Grundidee ist kostbar. Und sie ist gefährdet. Der Ratsbeschluss vom Oktober 2024 sieht vor, genau das, was von dieser Idee übrig geblieben ist – die Durchfahrt, das Pflaster, die Bäume, die Stille – durch eine Bustrasse zu ersetzen.

Geh hin. Schau es Dir an. Bevor Du am 13. September wählst! Denn dann kannst Du auch darüber entscheiden, ob diejenigen, die die Johannisfreiheit schützen wollen, eine starke Kraft im Rat werden.

Frage zum Nachdenken:

Was wäre, wenn Du in zwanzig Jahren mit deinen Kindern oder Enkeln an der Johannisfreiheit stehst – und dort 730 Busse am Tag fahren? Was würde Dir fehlen? Und was hättest Du Dir gewünscht, dass jemand getan hätte?

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Nächste Woche – Wahltag: Jetzt sind wir gespannt, was passiert.

💬  Mitmachen: Rund um die Johannisfreiheit passiert gerade einiges. Informier Dich – und mach mit: www.openpetition.de/!hcyhc

Samstag, 29. August 2026

Kapitel 10

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"Die letzten 30 Jahre im Rückblick"

Kapitel 10  |  Oktober 2024 – Der Ratsbeschluss und seine Folgen

Wochenende 10 | 29./30. August 2026

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Am 1. Oktober 2024 beschließt der Rat der Stadt Osnabrück: Der Busbahnhof am Neumarkt wird umgebaut. Der motorisierte Individualverkehr wird dort komplett gesperrt. Der ÖPNV darf den Platz nur noch in eine Richtung passieren. Und die Busse, die bisher direkt am Neumarkt hielten, werden umgeleitet – über die Johannisfreiheit.

Was das konkret bedeutet: 730 Busse täglich auf der Johannisfreiheit. Die schmale, begrünte Verbindung zwischen den Krankenhäusern soll auf bis zu 14 Meter verbreitert werden. Das historische Natursteinpflaster wird durch Beton ersetzt. Die Grünanlagen entfallen.

Zum Vergleich: Der heutige Busbahnhof am Neumarkt wird von rund 1.700 Bussen täglich genutzt. Nach dem Umbau sollen es dort nur noch 480 sein. Der Verkehrswissenschaftler Prof. Dr. Jürgen Deiters kommt in einer Stellungnahme zu dem Schluss, dass diese Planung den wesentlichen Zielen zur Verbesserung des ÖPNV widerspricht.

Historisch betrachtet ist die Ironie kaum zu übersehen: Der Neumarkt entstand 1855 als Verkehrsknoten – von Anfang an als Verkehrsplatz konzipiert. Die Johannisfreiheit hingegen war in ihrer gesamten Geschichte – mit Ausnahme weniger Jahrzehnte im 20. Jahrhundert – kein Durchgangsweg, sondern ein Ruheraum. Nun sollen die Rollen getauscht werden.

Dieser Beschluss wurde gefasst, ohne das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege zu beteiligen und ohne förmliches Bebauungsplanänderungsverfahren – obwohl der geltende Bebauungsplan B-73 die Verkehrsberuhigung ausdrücklich festschreibt.


Der neue Buslinienplan. Am Neumarkt geht es nur noch in eine Richtung.

Dafür geht es über die Johannisfreiheit.

·         730 Busse für die Johannisfreiheit

·         430 Busse für den Neumarkt

Quelle: Ratsbeschluss vom 1. Oktober 2024, VO/2024/3395

Auf diesen Beschluss folgt eine Antwort.

Am 16. Januar 2025 schreiben Osnabrücker Historiker die Oberbürgermeisterin an und protestieren. Sie entfachen damit eine Diskussion, die bis heute anhält. Über ein Jahr später, am 30. Mai 2026, reichen vier Osnabrücker beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege zwei Anträge ein. Ihr Ziel: Die Johannisfreiheit soll stärker unter Denkmalschutz gestellt werden – bevor es zu spät ist.

Die Antragsteller sind kein anonymes Bürgerkomitee. Es sind Fachleute mit jahrzehntelanger Erfahrung: Bruno Switala, der frühere Leiter der städtischen Baudenkmal- und Stadtbildpflege. Dr. Karsten Igel, Historiker und Autor mehrerer Fachpublikationen zur Osnabrücker Stadtgeschichte. Klaus Meinert, Karten- und Stadthistoriker. Und Marius Meinert, Bewohner der Neustadt und Koordinator des Antrags.

Die Straße Johannisfreiheit soll im Teilbereich der frühen Siedlungsgrenze als Einzeldenkmal anerkannt werden. Begründung: Sie verläuft entlang der ältesten nachweisbaren Raumkante in Osnabrück, die auf die Stiftsgründung von 1011 zurückgeht.

Das Neustädter Rathaus soll in die bereits bestehende Gruppe baulicher Anlagen „Johannisfreiheit“ aufgenommen werden. Begründung: Es wurde 1348 auf kirchlichem Grund gebaut – urkundlich belegt – und ist untrennbar mit der Geschichte der Johannisfreiheit verbunden.

Die Anträge stützen sich auf archäologische Grabungsberichte, historische Karten vom Schwedenplan 1633 bis zu amtlichen Stadtplänen des 20. Jahrhunderts, Katasterunterlagen, Bebauungsplanunterlagen und Fachpublikationen.

Unterstützt werden die Antragsteller von weiteren Historikern und Osnabrücker Bürgerinnen und Bürgern – darunter die frühere Direktorin des Kulturgeschichtlichen Museums, der frühere Leiter der Stadtarchäologie und der Gründungsdirektor des Museums für Industriekultur.

Die Antragsteller bitten ausdrücklich um vorrangige Bearbeitung – weil am Neumarkt bereits vorbereitende Maßnahmen laufen, die eine Rücknahme des Beschlusses zunehmend erschweren.

Frage zum Nachdenken:

Wir haben über die Zeichen des Respekts und der Gemeinsamkeiten in der langen Geschichte der Neustadt und der Altstadt berichtet. Ein Ratsbeschluss ohne Beteiligung der Bürger und ohne Beteiligung der Denkmalpflege, die das Erbe einer Stadt bewahren soll. Dafür nun ein Bürgerantrag, der genau diese Beteiligung einfordert. Bürgerinnen und Bürger können Anträge stellen, Fachleute einschalten, öffentlich machen. Das ist Demokratie. Aber am Ende entscheiden die Gewählten. Wer soll das in Osnabrück sein – ab dem 13. September?

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Nächste Woche: Was bleibt? Was verlieren wir? Geht hin und schaut es Euch an!

💬  Mitmachen: Rund um die Johannisfreiheit passiert gerade einiges. Informier Dich – und mach mit: www.openpetition.de/!hcyhc

Samstag, 22. August 2026

Kapitel 9

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"Die letzten 30 Jahre im Rückblick"

Kapitel 9  |  2002–2024 – Was in 20 Jahren bereits verloren ging

Wochenende 9 | 22./23. August 2026

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Die Verkehrsberuhigung von 2002 war ein Kompromiss. Denn gleichzeitig begann der schrittweise Rückbau der historischen Johannisfreiheit – durch Krankenhauserweiterungen, Neubauten, veränderte Nutzungen.

2005: Ein Neubau des Marienhospitals überbaut die Pfaffenstraße. Diese Straße verlief seit über 1.000 Jahren im Halbkreis um die Johanniskirche – vergleichbar mit den Straßenzügen rund um den Dom in der Altstadt. Sie ist jetzt Geschichte.

2011–2014: Das Christliche Kinderhospital (CKO) wird gebaut – nördlich der Johanniskirche, auf dem Gelände des ehemaligen Waisenhauses. Die letzte große Grünfläche im Kernbereich der historischen Johannisfreiheit verschwindet.

Der Bau des CKO war planungsrechtlich abgesichert – aber nur unter einer Bedingung: Die Verkehrsberuhigung der Straße Johannisfreiheit bleibt erhalten. Das ist ausdrücklich im Bebauungsplan B-73 (9. Änderung, 2010) festgeschrieben. Der Eingang des CKO wurde bewusst zur Johannisfreiheit hin ausgerichtet – weil man davon ausging, dass sie ruhig und fußläufig bleibt.

2022 bestätigt die 11. Änderung des Bebauungsplans: Die Grundkonzeption der ursprünglichen Planung wird nicht berührt. Die Verkehrsberuhigung gilt weiterhin.

Die Johannisfreiheit vor der Sanierung. Du siehst die breite Straße? Sie lässt keinen Platz für das Grün am Straßenrand. So könnte es wieder aussehen, wenn 730 Busse am Tag hindurchfahren.

Die Johannisfreiheit nach der Sanierung. Siehst Du die neuen Bäume entlang der Straße? Die Blumenbeet liegen leider im Schatten. Geh hin und sieh sie Dir an.

 

Und dann: Oktober 2024. Der Stadtrat beschließt den sogenannten „Neumarktfrieden“. Als Konsequenz sollen 730 Busse täglich über die Johannisfreiheit umgeleitet werden. Die Beete und Bäume entlang der Straße sollen verschwinden, die Straße soll verbreitert, betoniert, dem Verkehr geöffnet werden – ohne Beteiligung der Denkmalpflege, ohne förmliches Bebauungsplanänderungsverfahren.

Frage zum Nachdenken:

In 20 Jahren ist viel verloren gegangen – Stück für Stück, Entscheidung für Entscheidung. Wer trägt dafür Verantwortung? Und wer entscheidet darüber, was als nächstes passiert? Am 13. September: Du.

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Nächste Woche: Oktober 2024 – Der Ratsbeschluss und seine Folgen.

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Freitag, 14. August 2026

Kapitel 8

 

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"Die letzten 30 Jahre im Rückblick"

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Kapitel 8  |  1928–2002 – Fehler, Korrekturen – sie erinnern an die Dielingerstraße

Wochenende 8 | 15./16. August 2026

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Mit dem Durchstich der Süsterstraße 1928 und dem Aufkommen des motorisierten Verkehrs wird die Johannisfreiheit zu einer Ost-West-Achse. Was 900 Jahre lang ein Rundweg am Kirchhof war, ist jetzt eine Durchgangsstraße. Dieser Zustand dauert – historisch betrachtet – nur wenige Jahrzehnte. Aber er prägt das Bild, das viele Menschen heute noch von der Johannisfreiheit haben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Neustadt stark zerstört. Viele historische Gebäude sind verloren. Aber rund um die Johanniskirche gibt es noch zusammenhängende Reste des alten Charakters: Gärten nördlich der Kirche, Grünflächen in den Höfen des Marienhospitals, die Pfaffenstraße als historischer Straßenzug. Aber trotzdem wird vieles durch den Wiederaufbau in der Nachkriegszeit verändert.

Die Johannisfreiheit 1955, zwischen Kriegszerstörung und Wiederaufbau. Auch wenn es ein schwarz-weiß-Foto ist. Ihr könnt die Bäume sehen. Und die Gärten. Erinnert Ihr Euch an den rechteckigen Platz? Den Ihr in den letzten Kapiteln kennengelernt habt? Er liegt östlich der Kirche, im Bild oberhalb von ihr. Deutlich seht Ihr die Gebäudeecke des Marienhospitals, die der Raumkante des Platzes folgt.

Was damals an der Johannisfreiheit passiert, ist kein Einzelfall. In ganz Osnabrück wird in dieser Zeit Stadtgeschichte geopfert – für das Leitbild der „autogerechten Stadt“. Das bekannteste Beispiel: Die Dielingerstraße.

1975 wird die Dielingerstraße – mitten im historischen Heger-Tor-Viertel – vierspurig ausgebaut. Dafür werden die historischen Häuser entlang der Straße bis zum Ende der Lortzingstraße abgerissen, um einen breiteren Straßenquerschnitt zu ermöglichen. Die Bevölkerung protestiert. Einzelne Häuser werden nur durch massiven Widerstand gerettet. Andere verschwinden für immer.

Heute gilt die Dielingerstraße als Ausnahme im ansonsten gut erhaltenen Heger-Tor-Viertel – als sichtbare Wunde. Sie zeugt von einem Leitbild der Verkehrs- und Stadtplanung, das sich am Auto orientierte und bereits wenige Jahrzehnte später als überholt galt. Die Neue Osnabrücker Zeitung schrieb 2024, die Altstadtsanierung jener Jahre habe „tiefe Wunden“ gerissen.

Für die Johannisfreiheit kommt die Wende 1994. Es wird ein neuer Bebauungsplan aufgestellt – für das Sanierungsgebiet Salzmarkt. Damit sollen Teile der weitläufigen alten Johannisfreiheit endgültig überbaut werden. Aber der Kernbereich rund um die Kirche soll wieder geschützt werden. Die Hauptzufahrt des Marienhospitals soll langfristig auf die Ostseite verlegt werden. Das schafft die Möglichkeit, die Straße Johannisfreiheit zu einer Durchfahrt zurückzubauen und verkehrsberuhigt auszugestalten – wieder.

2002 ist es so weit: Die Straße Johannisfreiheit wird neu gestaltet. Schmaler, begrünt, mit historisierendem Natursteinpflaster. Durchfahrtsverbot für den motorisierten Individualverkehr. Nur Einsatzfahrzeuge der Krankenhäuser und RadfahrerInnen dürfen noch durch. Das Neustädter Rathaus wird saniert und zu einem Ankerpunkt mit Gastronomie ausgebaut.

Die Johannisfreiheit wird in ihrem Kernbereich rund um die Kirche wieder zu dem, was sie fast 1.000 Jahre lang war: ein Ort der Ruhe, mitten in der Stadt. Dieser Zustand ist kein Zufall – er ist das Ergebnis eines langen Planungsprozesses und im Bebauungsplan B-73 rechtlich verankert.

Doch jetzt, 50 Jahre nach dem Ausbau der Dielingerstraße, droht der verkehrsberuhigten Zone Johannisfreiheit Ähnliches: Verbreiterung, Betonierung, Verkehr. Dieselbe Logik – ein anderer Ort.

Ein „Schmankerl“ am Rande: Das Eckgebäude Kleine Domsfreiheit 25 schräg gegenüber der Einmündung der Lortzingstraße wurde ursprünglich ganz woanders erbaut – nämlich an der Johannisstraße.

Die Altstädter haben nach dem Krieg ihre eigenen Häuser abgerissen, aber ein historisches Haus aus der Neustadt bei sich aufgebaut. Dort steht es heute unter Denkmalschutz – als Teil der Gruppe baulicher Anlagen „Dombereich“. Offenbar war es wertvoll genug, um erhalten zu werden – nur eben nicht an seinem ursprünglichen Standort. Für die Neustadt ist es verloren.

Das kulturelle Erbe der Neustadt wird nach und nach weggeknabbert. Jetzt ist man an seinem Kern angelangt, dem Kirchplatz und der unmittelbaren Umgebung der Johanniskirche.

Die Johannisstraße 19/20, NLA, Lichtenberg-Archiv

Wiederaufgebaut an der Kleinen Domsfreiheit 25

Frage zum Nachdenken:

Die Dielingerstraße gilt heute als Fehler der 1970er Jahre. Wer damals dagegen protestiert hat, wurde oft nicht gehört. Wie ist das heute an der Johannisfreiheit? Wer hört Dir zu – wenn Du fragst? Und wer gibt Antworten auf Deine Fragen?

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Nächste Woche: 2002–2024 – Was in 20 Jahren bereits verloren ging.

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Freitag, 7. August 2026

Kapitel 7

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"Die letzten 30 Jahre im Rückblick"

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Kapitel 7  |  1860–1928 – Die Stadt plant. Und die Moderne kommt

Wochenende 7 | 8./9. August 2026

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Mitte des 19. Jahrhunderts verändert sich Osnabrück grundlegend. Die Stadtmauern werden abgetragen. Der Hauptbahnhof entsteht. Die Stadt wächst nach Osten. Und mit ihr wächst der Bedarf an Straßen, Kanälen, Infrastruktur.

1860 erstellt Stadtbaumeister Richard einen sogenannten Fluchtlinienplan – die erste mit wissenschaftlichen Methoden angefertigte Karte von Osnabrück. Es ist zugleich die letzte Karte, auf der die alten Strukturen der Johannisfreiheit fast vollständig erfasst sind. Das, was in den folgenden 30 bis 50 Jahren abgebrochen werden soll und das, was entstehen soll. Auf nur einer Karte.

Die Farben sind vergilbt. Alt und neu übereinander gezeichnet. Vielleicht verwirrt Euch die Abbildung. Aber wenn Ihr Interesse am Original habt. Sogar das Landesarchiv ist nicht weit entfernt von der Johannisfreiheit. Ihr müsst Euch anmelden, wenn Ihr den Plan sehen wollt.

Auschnitte von Plänen, beide von 1860: Links der Fluchtlinienplan, NLA OS K62a Nr. 516 / Rechts der Kanlisationsplan, NLA OS K62c Nr. 163H 


- links oben die Johanniskirche

- unten der heutige Kirchplatz mit seiner charakteristischen Rundung aus der Gründungszeit des Stifts

- rechts oben der geomotrisch im Stadtbild gewachsene Platz

Was die Pläne zeigen: Der Weg südlich der Johanniskirche ist noch immer ein schmaler Fußweg. Er führt entlang des ehemaligen Friedhofs und mündet in eine große Freifläche östlich der Kirche – eine Promenade. So wie die Zeichnung von Friedrich G. Müller aus dem Jahr 1865.

Zeichnung von Friedrich G. Müller, Museumsquartier Osnabrück

Blick in die Johannisfreiheit 1865. Der Friedhof wurde einige Jahre zuvor aufgeben. Ein Fußweg führt nun zum ehemaligen Friedhof südlich der Kirche.

Ein schmaler Durchgang zwischen dem damals entstehenden Marienhospital und der Kirche – wie heute

Die Zeichnung zeigt diesen Platz: Offen, mit Bäumen, einladend. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde er bereits angelegt, als die heutige Kirche 1254 den Vorgängerbau ersetzte. Wozu dieser Platz genau diente, wissen wir nicht mehr.

·         War er Marktplatz? Dafür spricht die Nähe zur Neuen Mühle.

·         War er ein Versammlungs- oder Veranstaltungsort? Vielleicht auch für einen Weihnachtsmarkt?

·         War er eine Promenade für die Würdenträger aus den naheliegenden Kurien? Wie schön diese Kurien gewesen sein müssen, zeigt die Zeichnung des prunkvollen Gartens der Lippeschen Kurie.

Eine Zeichnung des Gartens der Lippeschen Kurie. Auf diesem Grundstück spielen heute die Kinder in der Kita der Niels-Stensen Kliniken. Direkt neben der geplanten Bustrasse für 730 Busse.

Das Original liegt im Landesarchiv in Münster

Sicher ist, der Platz östlich der Kirche hat sich an den gewachsenen städtischen Raumkanten orientiert. Denn er hat fast gerade Kanten. Er hebt sich damit von der natürlichen ursprünglichen Rundung aus der Gründungszeit des Stifts ab, die den Ruheraum und ehemaligen Friedhof südlich der Kirche bis heute umschließt.

Und es wurde immer darauf geachtet, dass dieser Platz bestehen bleibt. Sogar heute ist er trotz der hier endenden Straße sichtbar. Wenn Ihr genau hinschaut: Die Gebäude des Krankenhauses sind entlang der Raumkanten des früheren Platzes versetzt. Auf einer Ecke des Platzes steht als flacher Anbau das alte Pförtnerhäuschen.

Doch dann kommt der Kanalbau. Die Stadt braucht Platz für die neue Kanalisation. Das Stift St. Johann, dem der Weg seit der Stadtgründung gehört, wehrt sich zunächst. Am Ende wird der Abschnitt einvernehmlich verkauft. Was 850 Jahre lang Kircheneigentum und Ruheraum war, wird in vielen Einzelschritten über Jahrzehnte zur öffentlichen Durchgangsstraße.

1903 wird die Hasebrücke gebaut. Die Johannisfreiheit öffnet sich nach Osten. Was bisher eine Sackgasse war, wird zur Durchfahrt zwischen Johanniskirche und Hauptbahnhof. Aber erst 1928 entsteht mit dem Ausbau und dem Durchstich der Süsterstraße eine Durchfahrt durch die gesamte Innenstadt. Mit einer großen Kreuzung südlich der Kirche. Die Johannisfreiheit wird zur Ost-West-Achse.

Nach 900 Jahren als Rundweg am Kirchhof ist eine Durchgangsstraße entstanden. Gleichzeitig beginnt der schrittweise Verlust der historischen Bebauung. Gärten werden versiegelt. Kurien werden abgerissen oder umgebaut und bekommen Hausnummern. Der ländliche Charakter der Johannisfreiheit verschwindet – Stück für Stück.

Eine Hausnummer klingt nach Verwaltung. Aber sie ist mehr: Sie bedeutet, dass der Ort steuerpflichtig ist. Was einmal kirchliche Freiheit war – und deshalb in Reinholds Karten keine Nummer hatte – wird jetzt normales Stadtgebiet. Die Johannisfreiheit verliert nicht nur ihr Grün. Sie verliert ihren Sonderstatus.

Und der Martinshof? Der Bischof ist längst ausgezogen. Der Hof verfällt im 19. Jahrhundert und wird abgerissen – um Platz für ein Schulgebäude zu machen. Heute stehen dort die Berufsbildenden Schulen der Stadt Osnabrück, die Europaschule am Pottgraben. Vom Bischofssitz zur Schule. Vom Grün zum Beton.

Frage zum Nachdenken:

Kein Fortschritt ist Rückschritt. Wir müssen uns weiterentwickeln. Aber Fortschritt darf Kompromisse machen. Darf Besonderheiten schützen. Welche Kompromisse sind vertretbar – und welche gehen zu weit? Darüber lässt sich gut mit Kandidatinnen und Kandidaten reden.

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Nächste Woche: 1928–2002 – Fehler, Korrekturen – sie erinnern an die Dielinger Straße.

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Die Johannisfreiheit

Was wir verlieren werden - wenn wir es nicht schützen

Kapitel 11

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