Freitag, 4. September 2026

Kapitel 11

 

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"Die letzten 30 Jahre im Rückblick"

Kapitel 11  |  Was bleibt? Was verlieren wir? Geht hin und schaut es Euch an! Ihr werdet etwas entdecken: Ein Rathaus mit zwei Gesichtern!

Wochenende 11 | 5./6. September 2026

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Zehn Wochen haben wir über die Geschichte der Johannisfreiheit geschrieben. Heute gehen wir hin. Nicht in die Vergangenheit – sondern in die Gegenwart. Was ist noch da? Was kann man noch sehen, fühlen, erleben?

Fang an der Kreuzung Johannisfreiheit/Kollegienwall/Heinrich-Heine-Straße/Pottgraben an. Das ist einer der beiden Hot-Spots an den Enden der Johannisfreiheit: Schülerinnen und Schüler der Europaschule in der Pause, das Alando Palais, die Neue Mühle – heute „The Mill". Laut, lebendig, urban. Und doch: Nur 120 Meter entfernt beginnt eine andere Welt.

Geh die Johannisfreiheit entlang – nach Westen. Rechts und links: Das Hospiz, Krankenhaus, Kindergärten, Kirche, Pflegeeinrichtungen, das Kinderhospital, schmale Durchfahrt mit Natursteinpflaster, Bäume. Kein Durchgangsverkehr. Stille. Mitten in der Innenstadt.

Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis von tausend Jahren Geschichte – und einer bewussten Entscheidung im Jahr 2002. Dieser Weg war immer ein Weg der Ruhe. Und er ist es heute wieder.

Am westlichen Ende: Das Neustädter Rathaus. Fast 700 Jahre alt. Heute mit Gastronomie, einem kleinen Platz, Tischen im Freien. Gegenüber: Die Johanniskirche. Zusammen bilden sie das Herz der Neustadt – so wie seit dem 14. Jahrhundert.

Bleib hier stehen. Denn genau an dieser Stelle triffst Du auf etwas, das Du auf deinem ganzen Weg noch nicht gesehen hast.

Es begann mit einem Weg … – so haben wir diese Serie begonnen. … und vielleicht einem unscheinbaren Abzweig nach Osten, zur Hase.

 

Foto: Dr. Eva Berger

Du bist diesen Abzweig jetzt in Gedanken zurückgegangen – von der Hase im Osten bis hierher, an sein westliches Ende, dem zweiten Hotspot der Johannisfreiheit. Hier bist Du zurück am alten Fernweg, der seit Jahrtausenden Handel von südlich der Alpen bis nach Skandinavien trug – bis heute im Stadtbild lesbar. Er hieß später die „Große Straße", heute Johannisstraße.

Blick in die Johannisstraße von Norden, vor 1905, NLA OS, Lichtenbergarchiv

Ansicht 2026, M. Meinert

Schau Dir das historische Foto an. Der Blick geht von Norden, an der Johanniskirche vorbei, in die Johannisstraße hinein. Straßenbahnschienen, eine Pferdekutsche, dichtes städtisches Leben. Genau hier, an dieser Stelle, lag vor 1.000 Jahren der Keim der ersten Ansiedlung – dort, wo der Fernweg vom Schölerberg herunterkam und die letzte Anhöhe vor den Bachniederungen traf.

Schon früh, bevor 1348 das Neustädter Rathaus gebaut wurde, standen entlang der Johannisstraße Marktstände. Das ist urkundlich belegt. Die Straße war nicht nur Verkehrsweg – sie war auch Handelsplatz.

Direkt daneben – auf kirchlichem Grund, mit Genehmigung der Stiftsherren – entstand das Neustädter Rathaus. Und wer heute genau hinschaut, erkennt: Das Gebäude selbst trägt diese doppelte Geschichte noch immer in seiner Architektur.

Zur Johannisstraße hin springt ein Kranerker aus der Fassade – ein steinernes Zeugnis dafür, dass hier über Jahrhunderte schwere Waren gehoben und gehandelt wurden. Der Fernweg, der Handel, der Verkehr: Dem wendet sich diese Seite des Rathauses zu.

Auf der anderen Seite, zur Johannisfreiheit hin – zu dem Weg, den Du gerade entlanggegangen bist – ist es seit jeher anders: Dort, wo heute wie früher der kirchliche Grund und Ruheraum beginnt, sitzen Menschen in der Außengastronomie des Rathauses. Sie blicken dabei auf das Kinderhospital – dorthin, wo Ruhe und Erholung besonders gebraucht werden. Ruhe statt Handel. Verweilen statt Vorbeifahren. Schon in der Urkunde zum Rathausbau wurden Fassadengestaltung und Fenstergrößen genau festgelegt. Der Propst von St. Johann, der dem Rathaus gegenüber lebte, ließ urkundlich festhalten, dass von dort keine ruhestörenden Eingriffe in seine Umgebung ausgehen dürfen.

Vergleiche jetzt das aktuelle Farbfoto mit dem historischen: Dieselbe Ecke, derselbe Blick. Das alte Winterbild zeigt kahle Bäume, das aktuelle Frühlingsfoto ein leuchtendes Grün, das zur Johannisfreiheit hin immer dichter wird.

Genau von dort – von dem Weg, den Du gerade zurückgelegt hast – sollen künftig 730 Busse täglich in die Johannisstraße einbiegen. Aus einer Richtung kommend, aus der es eigentlich nur ganz ruhig weiter Richtung Hase gehen sollte.

Sie würden damit eine Grenze durchbrechen, die das Neustädter Rathaus seit 678 Jahren allein durch seine bauliche Gestaltung markiert.

Das zeigt auch das Logo, das sich die Historiker zu Beginn ihrer Proteste Anfang 2025 gegeben haben. Es greift genau dieses Bild auf: Zwei Giebel, wie die zwei Dächer des Rathauses. Auf der einen Seite ein Baum – der Ruhepol. Auf der anderen Fußgänger und ein Fahrrad – der langsame, menschliche Verkehr. Und dazwischen: der durchgestrichene Bus.


Mein Foto


Logo der Initiative „Keine Bustrasse über die Johannisfreiheit“.

Von Osnabrücker Historikern im Januar 2025 initiiert und Startpunkt zahlreicher Proteste, die auch zu einer breit angelegten Bürgerinitiative und Petition geführt haben.

Was das Rathaus seit 1348 in Stein zeigt, was der Schwedenplan 1633 als Mauer um den Friedhof festhält, was Reinholds Karte 1789 durch fehlende Hausnummern verrät – es ist immer dieselbe Geschichte: zwei Seiten, zwei Aufgaben, sorgfältig geteilt. Handel hier. Ruhe dort.

Diese Teilung hat fast 700 Jahre gehalten.

Was ist verloren? Viel:

  • Die Pfaffenstraße, die einst im Halbkreis um die Kirche führte – überbaut.
  • Die Grünflächen und Obstwiesen des Waisenhauses nördlich der Kirche – bebaut.
  • Die Kurien mit kunstvollen Barockgärten, der Martinshof – abgerissen.
  • Die ursprüngliche Ausdehnung der Johannisfreiheit bis zur Hase – längst überbaut und versiegelt.

Und doch: Die Grundidee der Bürgerinnen und Bürger – schon vor 1.000 Jahren entstanden, sich hier einen Ort der Ruhe zu bewahren – ist noch immer da.

Diese Grundidee ist kostbar. Und sie ist gefährdet. Der Ratsbeschluss vom Oktober 2024 sieht vor, genau das, was von dieser Idee übrig geblieben ist – die Durchfahrt, das Pflaster, die Bäume, die Stille – durch eine Bustrasse zu ersetzen.

Geh hin. Schau es Dir an. Bevor Du am 13. September wählst! Denn dann kannst Du auch darüber entscheiden, ob diejenigen, die die Johannisfreiheit schützen wollen, eine starke Kraft im Rat werden.

Frage zum Nachdenken:

Was wäre, wenn Du in zwanzig Jahren mit deinen Kindern oder Enkeln an der Johannisfreiheit stehst – und dort 730 Busse am Tag fahren? Was würde Dir fehlen? Und was hättest Du Dir gewünscht, dass jemand getan hätte?

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Nächste Woche – Wahltag: Jetzt sind wir gespannt, was passiert.

💬  Mitmachen: Rund um die Johannisfreiheit passiert gerade einiges. Informier Dich – und mach mit: www.openpetition.de/!hcyhc

Was wir verlieren werden - wenn wir es nicht schützen

Kapitel 11

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